Vom Blauregen und der Weinbergschnecke

In meinem Garten stand ein wunderschöner Blauregen. Direkt am Treppenaufgang schlangen sich seine dunkelblauen Blüten um das Geländer. Jeden Tag habe ich mich über seinen Anblick gefreut – wahrscheinlich auch deshalb, weil der Rest des Gartens zu dieser Zeit nicht gerade in seiner besten Verfassung war. Zwischen seinen Blättern entdeckte ich eines Tages eine Weinbergschnecke. Ihr geschwungenes Haus erinnerte mich an die Form einer Spirale – kleine, nicht enden wollende Schwünge. Diese kleinen Schätze waren mir heilig. Und jeder von ihnen hatte für mich seine ganz eigene Symbolik. Eines Morgens, als ich auf der Treppe stand, bemerkte ich die ersten welken Blätter am Blauregen. Mitten an einem sonnigen Tag im Juni. Ich prüfte die Erde, den Stamm und die Blätter, suchte nach Läusen oder anderen Schädlingen. Alles schien in Ordnung zu sein. Doch von diesem Tag an verlor der Blauregen Blatt für Blatt. Eines Morgens beschloss ich, ihn ein wenig zurückzuschneiden. Ich stand auf der Treppe und entfernte vorsichtig die welken Zweige. Unter einem von ihnen saß die Weinbergschnecke. Ich bemerkte sie erst, als sie bereits zu Boden fiel. Sie landete auf der Kante einer Stufe und ihr Haus zerbrach. Fassungslos stand ich vor ihr – und brach in Tränen aus. Heftig weinend kniete ich auf dem Boden und überlegte, wie ich ihr helfen könnte. Ein Teil ihres Hauses war noch unversehrt. Lange saß ich neben ihr im Gras und wusste selbst nicht, was gerade mit mir passiert war. Was hatte mich so dermaßen aus der Fassung gebracht? Sowohl der Blauregen als auch die Weinbergschnecke standen symbolisch für etwas. Für etwas in mir und in meinem Leben. Etwas in mir war ebenfalls zu Ende gegangen. Ein Teil meines alten Ichs. Und plötzlich war alles gleichzeitig da: Schmerz, Wut, Freude, Trauer und Glück. Genau wie in der Natur. Etwas stirbt. Etwas entsteht. Ein Teil von mir ist noch immer da, während ein anderer Platz für etwas Neues gemacht hat. Dieser neue Teil fühlt sich in seiner ungewohnten Umgebung noch fremd und unsicher. Manchmal fehl am Platz. Manchmal möchte er sich am liebsten wieder verkriechen. Still sitzend nimmt er alles wahr. Die Eindrücke, die Geräusche, die Gerüche. Und er ist sich noch nicht ganz sicher, ob er bleiben möchte. Vielleicht ist genau das Neubeginn. Nicht sofort zu wissen, wer man jetzt ist oder wohin man gehört. Sondern manchmal einfach still dazusitzen. Noch ein wenig fremd im eigenen Leben. Wahrzunehmen, was geblieben ist – und ganz langsam zu entdecken, was entstehen möchte. Der Blauregen ist nicht wiedergekommen. Und auch das Schneckenhaus ließ sich nicht wieder zusammensetzen. Aber vielleicht muss auch nicht alles wieder so werden, wie es einmal war.

Manches darf gehen, damit etwas Neues seinen Platz finden kann.

Und vielleicht braucht dieses Neue vor allem eines:

Zeit, um sich irgendwann wie das Eigene anzufühlen.

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